Es klingelt an der Tür. Ein fremder Mensch steht davor, redet schnell, wird lauter, drängt auf eine Unterschrift. Wer da öffnet, hat oft schon verloren. In Marburg warnen die Stadtwerke aktuell vor einer neuen Welle aggressiver Hausierer, die sich durch Wohngebiete arbeiten und dabei auf Einschüchterung setzen. Das Muster ist nicht neu, aber es funktioniert noch immer.
An Haustüren werden Menschen mit falschen Versprechen und Drohungen unter Druck gesetzt, damit sie Verträge unterschreiben oder sensible Daten preisgeben.
- Drückerkolonnen ziehen gerade wieder durch deutsche Kleinstädte und setzen Bewohner mit Lügen und Drohungen unter Druck.
- Schon Name und Zählernummer reichen aus, damit Fremde einen Stromanbieter wechseln können.
- 14-tägiges Widerrufsrecht schützt bei ungewollten Abschlüssen.
Wer steckt hinter diesen Haustürbesuchen?
Drückerkolonnen sind keine Einzeltäter. Dahinter stecken oft straff organisierte Gruppen, die im Auftrag von Energieanbietern oder als selbständige Vermittler arbeiten und pro Vertragsabschluss bezahlt werden. Je mehr Abschlüsse, desto mehr Geld. Das führt zu einer Verkaufslogik, bei der Druck das wichtigste Werkzeug ist. Was dabei an der Haustür versprochen wird, hat mit dem späteren Vertrag häufig wenig zu tun – ein klassisches Muster von irreführender Werbung und falschen Versprechen
Die Vorgehensweise ist dabei erschreckend direkt. Wer die Tür öffnet, wird mit einem Redefluss empfangen, kaum zu Wort kommen gelassen und bei Zögern mit drohenden Aussagen konfrontiert. In Marburg berichteten Betroffene, die Besucher seien teils mit „bedrohlicher Wortwahl“ aufgetreten und hätten auf einen sofortigen Vertragsabschluss gedrängt.
Ältere Menschen und Migranten sind das Ziel
Drückerkolonnen suchen sich ihre Ziele oft gezielt aus. Ältere Menschen reagieren auf autoritäres Auftreten häufig verunsichert, Menschen mit Migrationshintergrund haben manchmal sprachliche Hürden und fühlen sich in bürokratischen Situationen schneller überfordert. Genau das wird ausgenutzt. Die Täter wissen, wo sie die größten Chancen auf Erfolg haben.
Mit Zählernummer zum Vertragsabschluss – so funktioniert der Trick
Für einen Anbieterwechsel beim Strom braucht es im Grunde nicht viel. Name, Adresse und Zählernummer reichen in vielen Fällen aus, damit ein neuer Vertrag wirksam angestoßen wird. Wer diese Kombination an der Haustür preisgibt, riskiert einen Wechsel, von dem er erst Wochen später durch Post erfährt. Solche ungewollten Vertragsabschlüsse funktionieren nach demselben Prinzip wie klassische Abofallen, bei denen Menschen einen Vertrag eingehen, ohne es wirklich zu wollen.
Besonders tückisch ist, dass viele Betroffene dabei etwas unterschreiben, ohne den Inhalt wirklich gelesen zu haben, weil der Druck in diesem Moment so hoch ist. Bis die Kündigung des alten Anbieters ankommt, ist die Frist bereits knapp.
Falsche Stadtwerke-Mitarbeiter und erfundene Krisen
Eine der beliebtesten Maschen ist die Identitätslüge. Die Hausierer behaupten, im Auftrag der lokalen Stadtwerke unterwegs zu sein. In Marburg kursierte zuletzt die Falschbehauptung, die Stadtwerke seien in finanziellen Schwierigkeiten und könnten den Strom bald nicht mehr liefern.
„Seit Februar 2026 gehen bei den Stadtwerken Marburg gehäuft Meldungen aus der Bevölkerung ein. Demnach sind aktuell Personen in den Stadtteilen Südviertel und Richtsberg unterwegs, die fordernd und teils mit bedrohlicher Wortwahl auftreten und gezielt ältere Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen. Die Stadtwerke Marburg stellen klar: Sie befinden sich nicht in finanziellen Schwierigkeiten, die Stromversorgung läuft wie gewohnt.“
Stadtwerke Marburg – Hier geht’s zur offiziellen Meldung
Wer schnell einen neuen Vertrag abschließe, sei auf der sicheren Seite. Das ist frei erfunden. Dieses Vorgehen ist ein typisches Beispiel für Betrug durch vorgetäuschte Identitäten, nur eben nicht am Telefon, sondern direkt vor der Wohnungstür.
Was zu tun ist, wenn es klingelt
Die wichtigste Regel lautet: keine persönlichen Daten herausgeben. Keine Zählernummer, keine Vertragsnummer, keine Unterschrift. Wer unsicher ist, ob jemand wirklich im Auftrag des eigenen Anbieters kommt, ruft dort direkt an und fragt nach.
Wer trotzdem etwas unterschrieben hat, kann sich auf das gesetzliche Widerrufsrecht berufen. Laut Verbraucherzentrale gelten bei Haustürgeschäften besondere Schutzrechte, darunter ein 14-tägiges Widerrufsrecht ab Vertragsabschluss, das schriftlich geltend gemacht werden muss. Viele Stadtwerke unterstützen Betroffene dabei aktiv. Falls du dir unsicher bist, wie du im Fall eines Betrugs vorgehen sollst, findest du bei uns praktische Orientierung für Betrugsopfer.
Problem ist kein Einzelfall
Marburg ist kein Ausreißer. Immer wieder berichten Städte wie Aalen, Kamen oder Attendorn von ähnlichen Wellen. Das Muster ist stets gleich, die Methoden sind gleich, die Zielgruppen sind gleich. Der Verbraucherzentrale Bundesverband dokumentiert das Problem mit Haustürgeschäften schon seit Jahren und setzt sich politisch für schärfere Regeln ein. Wer das weiß, ist besser gewappnet. Und wer seine Daten schützt, gibt diesen Gruppen schlicht keine Grundlage zum Arbeiten.
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