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Massiver Betrug bei Masernimpfungen in Bayern?

Es ist ein aufsehenerregender Fall: Gemeinsame Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung decken auf: Dutzende Mediziner stehen im Verdacht, systematisch falsche Impfnachweise ausgestellt zu haben. Die Behörden gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Wir haben uns die Fakten angeschaut.

Illustration in Grün: Spritze, Arztpraxis mit Medikamenten und Schutzschild; daneben Arzt, Mutter und Kind mit Geldscheinen, darüber ein großes Kreuz als Symbol für Betrug oder Ablehnung. - Erstellt mit AI durch Betrugstest Prompt.

Bluttests enthüllen: Kinder mit angeblich gültigen Impfpässen hatten keinen Masernschutz. Tausende Fälle und hohe Dunkelziffer.

  • 27 Arztpraxen in Bayern stehen im Verdacht, gefälschte Impfnachweise in großem Stil ausgestellt zu haben.
  • Ein Mediziner soll in mehr als tausend Fällen Masernimpfungen dokumentiert haben, die nie stattfanden. Bluttests bestätigten den fehlenden Impfschutz bei Kindern.
  • Gravierende Kontrolllücken ermöglichen den Betrug. Kita-Leitungen und Schulsekretärinnen sollen Impfpässe prüfen, sind damit aber meist überfordert.

Umfangreicher Verdacht auf Fälschungen bei Masern-Impfnachweisen

Bayerische Gesundheitsämter gehen nach umfassenden Recherchen einem Verdacht gegen mehr als 20 Arztpraxen nach. Den Medizinern wird vorgeworfen, entweder unrechtmäßig Impfunfähigkeitsbescheinigungen ausgestellt oder sogar Impfungen in Pässe eingetragen zu haben, die nie stattfanden. Die Fälle gehen in die Tausende. Bei den verdächtigen Praxen handelt es sich nahezu ausschließlich um Homöopathen, Naturheilkundler oder Ärzte für “integrative Medizin”.

Die Dimension des mutmaßlichen Betrugs zeigt sich am Fall eines bayerischen Mediziners aus dem Landkreis Landshut, der im Juli des vergangenen Jahres festgenommen wurde und in Untersuchungshaft kam. Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen bei der Nürnberger Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in 1.290 Fällen Impfnachweise dokumentiert zu haben, ohne die entsprechenden Injektionen tatsächlich durchgeführt zu haben.

Mittlerweile befindet sich P. nicht mehr in U-Haft, die Ermittlungen laufen weiter. Gegenüber Reportern äußerte er, er wisse nicht genau, was ihm vorgeworfen werde – er sei lediglich Arzt und Wissenschaftler.

Koordiniertes Vorgehen

Die Zunahme verdächtiger Fälle seit Inkrafttreten der Masern-Impfpflicht hat zu einer ungewöhnlichen behördlichen Zusammenarbeit geführt. Rund 40 Gesundheitsämter, hauptsächlich in Bayern und angrenzenden Regionen, haben sich zum “Netzwerk Masernschutz” zusammengeschlossen. Die Behörden tauschen sich gegenseitig über auffällige Mediziner aus und haben nach den Recherchen eine Liste mit den 27 verdächtigen Arztpraxen zusammengestellt.

Nach Angaben des Gesundheitsamtes Regensburg gehen jährlich 100 bis 150 Impfunfähigkeitsbescheinigungen in der Behörde ein. Drei Merkmale fallen den Ermittlern dabei regelmäßig auf: Der behandelnde Arzt ist kein Kinderarzt, bescheinigt aber Kinderimpfungen. Die Familien wohnen teilweise über hundert Kilometer entfernt. Die Impfpässe der Kinder sind komplett leer – bis auf zwei vom jeweiligen Arzt eingetragene Masernimpfungen.

Atteste für 240 Euro pro Stunde

Ein besonders aufschlussreicher Fall führt über die Grenze nach Österreich. Ein deutscher Mediziner praktiziert in Salzburg und verlangt für eine Stunde Impfberatung 240 Euro. Im Gespräch mit Reportern des ARD-Magazins Panorama räumte er freimütig ein, allen Eltern auf Wunsch eine generelle Masern-Impfunfähigkeitsbescheinigung für ihr Kind auszustellen.

Seine Begründung: Die Risiken einer Impfnebenwirkung seien höher als die Risiken der Krankheit, da es in Deutschland derzeit nur eine minimale Zahl von Maserninfektionen gebe – 2025 waren es drei pro eine Million Einwohner.

Diese Argumentation ignoriert jedoch die stark schwankenden Fallzahlen zwischen verschiedenen Ländern. In Frankreich lag die Rate 2025 fünfmal höher als in Deutschland, in Österreich sechsmal, in den Niederlanden elfmal und in Rumänien sogar achtzigmal höher. Zudem macht die Ansteckungsgefahr nicht vor Ländergrenzen halt.

Besonders gefährdet sind Kleinkinder unter neun Monaten, die noch nicht geimpft werden können. Sie erleiden deutlich häufiger als ältere Personen eine Hirnhautentzündung, die in seltenen Fällen tödlich verläuft.

Kontrolllücken im Masernschutzgesetz

Das seit 2020 geltende Masernschutzgesetz schreibt vor, dass alle Kinder, die einen Kindergarten besuchen, gegen Masern geimpft sein müssen. Eine Ausnahme besteht nur für Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können und ein entsprechendes Attest vorlegen.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hat das Gesetz zwar zu einem leichten Anstieg der Impfquote um wenige Prozentpunkte geführt. Die im Gesetz vorgesehenen Kontrollmöglichkeiten sind jedoch begrenzt.

Der Freistaat Bayern verzichtet beispielsweise auf eine Überprüfung der Impfpässe bei der Schuleingangsuntersuchung. Mitte Januar verschickte das zuständige Ministerium ein Schreiben an die Gesundheitsämter, wonach diese bei der Untersuchung die Impfpässe nur noch “zur Kenntnis nehmen” sollen. “Nicht hingegen gesetzlich angelegt ist eine standardmäßige Prüfung des Masernimpfnachweises”, heißt es in dem Schreiben, das NDR, WDR und SZ vorliegt.

Kitas und Schulen mit Prüfung überfordert

Die Überprüfung der gelben Impfhefte sollten stattdessen “primär die Leiterinnen und Leiter der jeweiligen Einrichtungen” vornehmen, wie Ministerin Judith Gerlach (CSU) über ihre Sprecherin mitteilen ließ. Gemeint sind damit Schulsekretärinnen und Kita-Leitungen. Diese sind jedoch meist überfordert, Fälschungen zu entlarven. Eine wirkliche Überprüfung der Impfpässe können nur geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheitsämter leisten.

Das Bundesgesundheitsministerium sieht in dem bayerischen Vorgehen auf Anfrage kein Problem. Die Kontrolle des Bundesgesetzes liege bei den Ländern. Eine Nachschärfung des Gesetzes sei nicht in Planung. Von dieser Situation profitieren vor allem Mediziner wie Andreas Sönnichsen, der bestätigt, dass seine Bescheinigungen in Deutschland von Kindergärten und Schulen problemlos anerkannt würden.

Eltern fahren hunderte Kilometer für falsche Bescheinigungen

Die Recherchen zeigen, zu welchem Aufwand Impfgegner bereit sind, um die gesetzliche Verpflichtung zu umgehen. Eltern nehmen Fahrten von mehreren hundert Kilometern in Kauf, um zu Ärzten zu gelangen, die entsprechende Bescheinigungen ausstellen.

Ein Beispiel ist eine Landwirtin aus der Nähe von Augsburg, die mehrere Stunden mit dem Auto nach Salzburg zu Andreas Sönnichsen fuhr. Sie gab an, “unheimliche Sorge” zu haben, dass die Impfung ihrer dreijährigen Tochter schaden könnte. “Mir ist das Risiko einer Impfnebenwirkung einfach zu hoch”, erklärte sie. Durch impfkritische Freunde hatte sie von dem Mediziner in Salzburg erfahren.

Solche Fälle zeigen, dass ein regelrechter Markt für falsche oder pauschale Impfunfähigkeitsbescheinigungen entstanden ist. Die Bereitschaft, hohe Summen zu zahlen und weite Strecken zurückzulegen, deutet auf eine organisierte Szene hin, die sich über Mundpropaganda austauscht.

Strafrechtliche Konsequenzen

Medizinern, die unrichtige Gesundheitszeugnisse ausstellen, drohen erhebliche Konsequenzen. Nach dem Strafgesetzbuch können sowohl Geldstrafen als auch Freiheitsstrafen verhängt werden. Zudem können die zuständigen Ärztekammern berufsrechtliche Maßnahmen einleiten.

Die Gesundheitsämter können bei Verdacht auf ein gefälschtes Impfunfähigkeitsattest eine Nachuntersuchung anfordern. Den direkten Beweis, dass trotz Eintrag im Pass keine Impfung stattfand, können die Ämter selbst jedoch nicht erbringen. Hierfür müsste die Staatsanwaltschaft im Verdachtsfall eine Blutabnahme anordnen.

Auch Eltern, die wissentlich gefälschte Atteste nutzen, machen sich möglicherweise strafbar. Rechtsexperten weisen darauf hin, dass sowohl das Ausstellen als auch das bewusste Verwenden falscher Gesundheitsnachweise rechtliche Folgen haben kann.

Neu entfachte Debatte

Der Fall hat eine erneute Diskussion über die Umsetzung und Kontrolle der Masern-Impfpflicht ausgelöst. Befürworter der Regelung sehen sich in ihrer Forderung nach strengeren Kontrollen bestätigt, um den Schutz der Bevölkerung sicherzustellen. Kritiker verweisen hingegen auf den anhaltenden gesellschaftlichen Konflikt rund um Impfungen.

Die Behörden schätzen, dass ein großer Teil der Fälschereien im Dunkeln bleibt. Die tatsächliche Anzahl der unrechtmäßig ausgestellten Bescheinigungen und gefälschten Impfpässe dürfte deutlich höher liegen als die bisher bekannten Fälle. Die Ermittlungen dauern an.

Denise Schlüter
Als leidenschaftliche Online-Lotto-Spielerin wurde sie zur Verbraucherschützerin: Denise deckt Täuschungen auf und empfiehlt nur Anbieter mit nachweislicher Lizenz, Datensicherheit, fairen Bedingungen und seriösem Kundenschutz. Ob Online Lotto, Casinos oder Singlebörsen – sie prüft Details, AGB und Zahlungsmethoden bis ins Kleingedruckte und bleibt mit regelmäßigen Markt-Checks up to date. Ihre Tests zeigen, wo sich eine Anmeldung lohnt – und wo Vorsicht geboten ist.
Geschrieben von: Denise Schlüter
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