Eine eigentlich gut gemeinte Gesetzesänderung entwickelt sich für immer mehr Menschen in Deutschland zu einem Problem. Seit Stromanbieterwechsel technisch in nur 24 Stunden möglich sind, schlagen Verbraucherzentralen Alarm. Die Zahl der Beschwerden über untergeschobene Verträge explodiert förmlich. Betrüger nutzen die neue Geschwindigkeit des Systems aus, um ahnungslosen Bürgern teure und unerwünschte Stromverträge aufzudrängen.
Eine neue Regelung zum 24-Stunden-Stromanbieterwechsel wird zur Masche für Betrüger, die ahnungslosen Verbrauchern ungewollte Verträge aufdrängen.
- Verbraucherzentralen warnen vor einer neuen Betrugswelle, bei der eine Regel zum schnellen Stromanbieterwechsel von Kriminellen missbraucht wird.
- Die Täter erschleichen sich dabei eine entscheidende Nummer (MaLo-ID), um ahnungslosen Verbrauchern ungewollte Verträge unterzuschieben.
- Für Betroffene beginnt damit oft ein zermürbender Kampf, da die Rückabwicklung durch den beschleunigten Prozess stark erschwert wird.
Alarmstufe Rot bei den Verbraucherzentralen
Die Telefone bei den Beratungsstellen stehen kaum noch still und auch Verbraucherzentralen warnen vor der neuen Betrugsmasche. Immer mehr verunsicherte und wütende Verbraucher melden sich, weil sie plötzlich Post von einem neuen Stromanbieter erhalten haben, mit dem sie wissentlich nie einen Vertrag geschlossen haben. Die Fälle ähneln sich. Oft sind es ältere Menschen, die Opfer dieser neuen Betrugswelle werden. Aber es kann jeden treffen.
Die Berater sprechen von einem besorgniserregenden Trend, der direkt mit einer neuen gesetzlichen Regelung zusammenhängt. Diese Regelung, die den Wettbewerb auf dem Energiemarkt ankurbeln sollte, zeigt nun ihre Kehrseite. Sie hat Kriminellen ein Werkzeug in die Hand gegeben, das es ihnen erlaubt, schneller und effektiver als zuvor zuzuschlagen. Die Geschwindigkeit, die eigentlich ein Vorteil für den Kunden sein sollte, wird zur Waffe für Betrüger.
Ein Gesetz mit unerwarteten Nebenwirkungen
Hintergrund dieser Entwicklung ist eine Neuerung, die seit Juni 2025 in Kraft ist. Der technische Prozess eines Stromanbieterwechsels muss seitdem an Werktagen innerhalb von nur 24 Stunden abgeschlossen werden. Das Ziel war klar: Der Wechsel sollte für Verbraucher unkomplizierter, schneller und reibungsloser werden. Niemand sollte mehr wochenlang auf die Umstellung warten müssen.
Diese beschleunigten Abläufe führen dazu, dass ein einmal angestoßener Wechselprozess kaum noch aufzuhalten ist. Bevor Betroffene überhaupt realisieren, dass sie Opfer eines Betrugs geworden sind, ist die technische Umstellung bei ihrem Netzbetreiber bereits vollzogen. Hier liegt ein entscheidendes Missverständnis, das die Täter ausnutzen: Die 24-Stunden-Frist betrifft ausschließlich den technischen Akt der Umstellung. Sie hebelt keinesfalls die vertraglich vereinbarten Laufzeiten und Kündigungsfristen des alten Vertrags aus.
Die perfide Masche an Tür und Telefon
Die Täter treten oft sehr überzeugend auf. Sie klingeln an der Haustür und stellen sich als Angestellte des lokalen Energieversorgers, der Stadtwerke oder sogar des Netzbetreibers vor. Am Telefon nutzen sie eine ähnliche Taktik. Unter einem Vorwand, wie etwa einer angeblichen Tarifoptimierung, einem notwendigen Datenabgleich oder einer Überprüfung des Zählers, versuchen sie, an die sensiblen Vertragsdaten ihrer Opfer zu gelangen.
Ihr eigentliches Ziel ist dabei eine ganz bestimmte Information: die elfstellige Marktlokationsidentifikationsnummer, kurz MaLo-ID. Diese Nummer ist der Generalschlüssel zum Stromanschluss. Sie wurde 2018 eingeführt und identifiziert eine Verbrauchsstelle eindeutig, ähnlich wie die IBAN ein Bankkonto. Wer im Besitz dieser Nummer ist, kann im Namen des Kunden einen Anbieterwechsel in die Wege leiten. Früher war dafür oft noch die Zählernummer nötig, doch die MaLo-ID allein reicht inzwischen aus.
Haben die Betrüger diese Nummer erst einmal erbeutet, zum Beispiel indem sie sich eine alte Stromrechnung zeigen lassen, haben sie freie Bahn. Sie melden den Kunden bei einem neuen, oft viel teureren Anbieter an. Dank des 24-Stunden-Prozesses ist der Spuk dann schon vorbei, bevor das Opfer überhaupt eine Vertragsbestätigung im Briefkasten hat.
Gefangen im bürokratischen Labyrinth
Wer nun denkt, das Problem mit einem einfachen Widerruf aus der Welt schaffen zu können, irrt gewaltig. Zwar besteht bei Haustür- und Telefongeschäften grundsätzlich ein 14-tägiges Widerrufsrecht. Doch dieses Recht läuft in der neuen Betrugsmasche oft ins Leere. Selbst wenn die Betroffenen fristgerecht den neuen, untergeschobenen Vertrag widerrufen, ist die technische Umstellung ihres Anschlusses bereits erfolgt. Der Netzbetreiber hat den Wechsel vollzogen und meldet den Zähler nun unter dem neuen Anbieter.
Damit beginnt für die Opfer ein Kampf an drei Fronten. Der neue, betrügerische Anbieter ignoriert den Widerruf häufig hartnäckig und beharrt auf dem Vertrag. Der alte, ursprüngliche Anbieter sieht den Kunden als Abwanderer und kann ihn nicht ohne Weiteres zurücknehmen. Oft unterbreitet er stattdessen ein komplett neues Vertragsangebot.
Der Netzbetreiber steckt in der Mitte, denn er kann die technische Umstellung nur auf Anweisung der Anbieter wieder rückgängig machen. Die Betroffenen müssen unzählige Telefonate führen, E-Mails schreiben und Briefe aufsetzen, um zu beweisen, dass sie nie einen Wechsel wollten. In dieser Zeit der Unsicherheit drohen doppelte Abschlagszahlungen oder die Angst, plötzlich ohne Strom dazustehen.
So schützt du dich vor der Strom-Falle
Der beste Schutz vor dieser und den meisten anderen Betrugsmaschen sind Wachsamkeit und konsequente Vorsicht. Lasse dich niemals unter Druck setzen und sei dir bewusst, dass deine Vertragsdaten so sensibel wie Bankinformationen sind. Die folgenden Verhaltensregeln helfen dir, Betrügern keine Chance zu geben.
- Sei ein Datentresor: Gib unter keinen Umständen am Telefon oder an der Haustür deine MaLo-ID, deine Zählernummer oder andere Vertragsdetails preis. Seriöse Anbieter fragen diese Daten nicht unaufgefordert auf diese Weise ab.
- Fordere einen Ausweis: Wenn sich jemand als Mitarbeiter deines Versorgers ausgibt, verlange immer einen Dienstausweis. Zögere nicht, bei deinem Energieversorger anzurufen und nachzufragen, ob diese Person tatsächlich in ihrem Auftrag unterwegs ist. Nutze dafür aber nicht eine Telefonnummer, die dir der Besucher gibt, sondern die offizielle Nummer von deiner letzten Rechnung oder der Webseite.
- Bleib an der Tür und am Telefon hart: Lass dich nicht in lange Gespräche verwickeln. Ein klares und freundliches “Kein Interesse” und das Schließen der Tür oder das Auflegen des Hörers ist die effektivste Abwehrmethode. Argumente wie “Das müssen Sie jetzt sofort entscheiden” sind ein eindeutiges Alarmzeichen.
- Handle im Notfall sofort: Solltest du unerwartet eine Vertragsbestätigung von einem fremden Anbieter erhalten, reagiere umgehend. Widerrufe den Vertrag schriftlich, am besten per Einschreiben mit Rückschein, um einen Nachweis zu haben. Eine E-Mail mit Lesebestätigung ist eine Alternative.
- Informiere alle Beteiligten: Setze dich sofort mit deinem bisherigen Stromanbieter und auch mit dem zuständigen Netzbetreiber in Verbindung. Erkläre die Situation und mache deutlich, dass der Wechsel ohne deinen Willen eingeleitet wurde.
- Sichere alle Beweise: Bewahre den gesamten Schriftverkehr, E-Mails, Screenshots von Webseiten und Notizen zu Telefongesprächen sorgfältig auf. Eine lückenlose Dokumentation ist im Streitfall Gold wert und hilft dir, dein Recht durchzusetzen.
Fortschritt mit Schattenseiten
Was als Fortschritt für Verbraucher gedacht war, entpuppt sich in der Praxis als gefährlicher Bumerang. Die Beschleunigung des Anbieterwechsels hat Kriminellen eine Tür geöffnet, um mit gestohlenen Daten Fakten zu schaffen, bevor die Opfer überhaupt reagieren können.
Die entscheidende Erkenntnis ist daher klar. Die eigene Stromrechnung und die darauf befindliche MaLo-ID sind so vertraulich wie Bankdaten und sollten niemals leichtfertig aus der Hand gegeben werden. In einer Zeit, in der Prozesse immer schneller und anonymer werden, ist gesunde Skepsis an der Haustür und am Telefon nicht nur ratsam – sie ist der wirksamste Schutzschild gegen teuren Ärger und bürokratisches Chaos.
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