Eine SMS, ein Anruf, leeres Konto. Was gerade den Kunden von Neobrokern wie Trade Republic passiert, hat System. Seit einem halben Jahr rollt eine Betrugserie über Deutschland, die Verbraucherschützer alarmiert. Das Gemeine? Die Opfer überweisen das Geld am Ende selbst und sehen es nie wieder.
Einmal falsch abgehoben und das Depot ist leer. Was klingt wie ein schlechter Scherz, ist für Hunderte Neobroker-Kunden bittere Realität geworden. Und das Geld? Bleibt verschwunden.
- Hunderte Fälle pro Monat allein in Bayern & Schäden in Hunderttausender-Höhe.
- Organisierte Callcenter manipulieren Opfer stundenlang am Telefon zur Selbstüberweisung.
- Geld selbst überwiesen? Keine Rückerstattung von der Bank möglich.
Hunderte Fälle pro Monat – Bayern besonders betroffen
Die Zahlen sprechen für sich, denn allein in Bayern registriert die Verbraucherzentrale monatlich mehrere hundert Fälle. Sascha Straub vom Verbraucherschutz Bayern beobachtet die Entwicklung seit Monaten. In Mittelfranken sind bereits Hunderttausende Euro verschwunden, in Oberbayern Nord waren es 50.000 Euro in wenigen Tagen.
Was früher Einzeltäter waren, ist heute ein organisiertes Geschäft. Straub spricht von regelrechten Callcentern mit Arbeitsteilung. Jeder weiß, was er zu tun hat. Und jeder weiß, wie man Menschen unter Druck setzt.
Ein Köder, der funktioniert
Es fängt mit einer Nachricht an. SMS oder Mail, Inhalt immer ähnlich: Dein Konto sei in Gefahr, ruf diese Nummer an. Klingt offiziell, ist es aber nicht. Die Methode ist nicht neu – ähnliche Phishing-Anrufe kennt man bereits von Amazon-Betrugsmaschen, bei denen sich Täter als Support-Mitarbeiter ausgeben. Am anderen Ende der Leitung sitzen Profis, die eines können, nämlich Menschen verunsichern.
Die Gespräche dauern manchmal Stunden. Die Anrufer bleiben ruhig, wirken kompetent und bauen Vertrauen auf. Gleichzeitig erhöhen sie den Druck. Am Ende steht die Aufforderung, das Geld auf ein „sicheres” Konto oder an eine Krypto-Adresse zu überweisen. Wer das tut, hat verloren.
In einer Pressemitteilung der Polizei Bayern wird von Fällen berichtet, in denen Betroffene stundenlang am Telefon hingen – bis sie selbst die Überweisung ausgelöst hatten. Danach ist das Geld weg.
„Woher haben die überhaupt meine Nummer?“
Die Vorstellung, die eigene Handynummer sei privat, ist längst überholt. Online-Shops, Newsletter, Gewinnspiele, überall wird die Nummer angegeben. Von dort findet sie ihren Weg ins Darknet, wo Datensätze gehandelt werden wie Aktien an der Börse.
Neobroker sind moderne Online-Broker, die den Wertpapierhandel per Smartphone-App ermöglichen. Anbieter wie Trade Republic, Scalable Capital oder Finanzen.zero punkten mit niedrigen Gebühren und einfacher Bedienung. Gerade diese digitale Ausrichtung macht sie aber auch zum Ziel für Betrüger.
Hinzu kommt, dass es mit KI ein Leichtes ist, massenhaft Nummern durchzuprobieren. Irgendwann landet man bei jemandem, der tatsächlich ein Konto bei Trade Republic oder einer anderen Bank hat. Volltreffer.
Geld weg? Leider Pech gehabt!
Hier wird es bitter. Wer manipuliert wurde und selbst überwiesen hat, bekommt nichts zurück. Die Banken haften nur bei technischen Angriffen – und selbst da müssen sie dem Kunden erst grobe Fahrlässigkeit nachweisen. Bei Selbstüberweisungen sieht die Sache anders aus.
Straub formuliert es deutlich: „Da gibt es kein Geld zurück, weil es ja in dem Moment komplett gewollt gewesen ist.“ Dass man dabei getäuscht wurde, spielt keine Rolle. Das Geld ist weg, Punkt.
Warum Trade Republic nicht helfen kann
Die Broker sind rechtlich in einer Zwickmühle. Sobald der Kunde die Überweisung selbst ausführt, gilt sie als autorisiert. Das Gesetz unterscheidet klar. Wurde jemand gehackt oder wurden Login-Daten gestohlen, haftet die Bank. Wurde jemand überredet und hat dann selbst überwiesen, nicht.
Ist das Geld erst auf einer Krypto-Adresse oder im Ausland gelandet, wird es also praktisch unerreichbar. Trade Republic könnte zwar versuchen, Empfängerbanken zu kontaktieren. Aber bei Krypto gibt es keine Bank und ausländische Institute reagieren selten schnell genug. Die Betrüger haben das Geld längst weiterbewegt.
Woran du den Betrug erkennst
Zeitdruck ist das offensichtlichste Signal. Wenn jemand am Telefon sagt, es müsse jetzt sofort gehen, sollten alle Alarmglocken schrillen. Gleiches gilt für stundenlange Support-Gespräche. Neobroker leben von schneller, digitaler Abwicklung – nicht von Marathon-Telefonaten.
Noch ein Punkt: Keine seriöse Bank ruft einfach an und fordert Überweisungen oder Zugangsdaten. Nie. Diese Form von Telefonbetrug zielt gezielt darauf ab, in Stresssituationen falsche Entscheidungen zu provozieren. Wer so einen Anruf bekommt, legt auf! Dann die offizielle Nummer googeln und dort anrufen, nicht die aus der SMS.
Und was tun, wenn’s passiert ist?
Verdacht? Sofort auflegen und selbst bei der Bank melden. Die Polizei oder Verbraucherzentralen helfen bei der Einschätzung. Wer schon überwiesen hat, muss schnell handeln. Anzeige erstatten, Bank informieren. Die Chancen sind gering, aber manchmal lassen sich Transaktionen noch stoppen. Manchmal.
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